Die Jungfrau auf dem Nußhardt
Eines Tages trieb ein junger Hirte seine Schafe hinauf zu den Nußhardtfelsen. Plötzlich sah er vor einer Quelle eine junge Frau sitzen, deren langes Haar wie ein goldener Umhang ihren Rücken bedeckte. Nach dem sie ihr Haar mit einem filigranen kleinen Elfenbeinkamm frisiert und zu Zöpfen geflochten hatte, stand sie auf und ging den Hang hinauf. Erst jetzt sah der Schäfer das Gesicht der Jungfrau und sein Herz begann zu rasen, so hübsch war das Mädchen.
Vorsichtig schlich er ihr nach und beobachtete sie dabei, wie sie auf einer Wiese Flachs in der Sonne ausbreitete und wendete. Dabei sang sie ein Lied, das war von so viel Traurigkeit und Schwermut geprägt, dass es dem jungen Mann durch Mark und Bein ging. Nachdem die Jungfrau den Flachs ausgebreitet hatte, lief sie in Richtung Nußhardt und verschwand zwischen den Felsen.
Als der Hirte die Arbeit des Mädchens besah, bemerkte er zwischen dem Flachs ein echtes Goldstück. Am nächsten Tag konnte er es kaum erwarten, die hübsche Jungfrau wieder zu sehen. Wieder beobachtete er sie und wieder fand er nach ihrem Verschwinden ein Goldstück.
Nach einigen Tagen hatte der Hirtenjunge seine Schüchternheit teilweise überwunden und zeigte sich dem schönen Mädchen, als es erneut den Flachs breitete. Als er sie jedoch aus der Nähe sah, war er von ihrer Schönheit so betört, dass er es nicht wagte, sie anzusprechen. Auch die Jungfrau sprach kein Wort. So ging es Woche für Woche, bis das hübsche Mädchen schließlich das Schweigen brach.
„Wenn du mir helfen willst, bekommst du so viel Goldstücke, wie du willst“, sprach das Mädchen und der Hirtenjunge nickte heftig, nicht so sehr wegen der Goldstücke, sondern mehr wegen des Mädchens, das er von ganzem Herzen liebte. Daraufhin erzählte ihm die Jungfrau, dass sie eine Prinzessin sei, die vor vielen, vielen Jahren durch einen bösen Zauber an diesen Ort gebannt worden sei. Wenn er sie befreien wolle, müsse er am nächsten Sankt – Petri - Tag, dem ersten August, zum Nußhardtfelsen kommen. Er müsse jedoch großen Mut beweisen, denn ganz gleich, wem er hier begegnen wird, den muss er küssen. Nach diesen Worten verschwand die Hübsche.
Von jenem Tag an hatte der Schafhirte die anmutige Blonde nicht mehr gesehen und er fieberte voller Ungeduld dem Sankt-Petri-Tag entgegen. In der Nacht zuvor konnte er kein Auge zutun und bereits beim ersten Morgengrauen war er zum Nußhardt aufgebrochen. Lange musste der Junge im Felsenlabyrinth warten. Erst als unten in Bischofsgrün die Glocken läuteten, erschien eine Gestalt zwischen den Felsen.
Starr vor Schreck blickte der Hirte auf ein grässliches, altes Weib. Ekel und Abscheu erfasste ihn, als sie ihn mit ihren roten Triefaugen anblickte und der Geifer aus ihrem zahnlosen, stinkenden Maul troff.
Angewidert wandte sich der Junge von der hässlichen Gestalt ab und lief den Hang hinab. Nach einer Weile wurde ihm bewusst, dass er durch seine Feigheit die Erlösung der hübschen Prinzessin verhindert hatte.
Später wurde er bewusstlos von Waldarbeitern gefunden und zu seiner Mutter gebracht. Lange Zeit lag er im hohen Fieber und als er wieder genesen war, war der Schafhirte irr geworden.