Der Bachreiter vom Kropfbachtal
Bereits in alter Zeit wusste man, dass sich an den Gewässern des Fichtelgebirges gerne Geister und Kobolde herumtrieben, die die Menschen nicht nur erschreckten, sondern ihnen sogar gelegentlich Schaden zufügten. Eine solche Geschichte trug sich einst in Warmensteinach zu.
Im Kropfbachtal lebte im hintersten Haus, unmittelbar am Waldrand, ein Glasperlenmacher. Täglich brachte der Mann, wie jeder Perlenmacher, einen Sack Perlen mit nach Hause, die die Frau und die Kinder dann auf Fäden auffädeln mussten. Diese Arbeit war mühselig und so saß die Frau oft bis spät in die Nacht bei schwachem Kerzenschein und reihte die Perlen auf die Schnüre.
Eines Tages, es war um Mitternacht, klopfte es lautstark ans Fenster. Erschrocken öffnete die Frau und sah einen Reiter, der sie bat, ihm den Weg nach Goldkronach zu zeigen. Bereitwillig ging die Frau mit einer Laterne vor die Tür und geleitete den Fremden ein Stück in Richtung des Wegs nach Goldkronach. Mit einem Mal besah sie sich das Pferd des Reiters und erschauderte. Obwohl das Tier ansonsten ganz normal aussah, hatte es jedoch keinen Kopf. Entsetzt vor Schrecken lief die Frau zurück ins Haus.
Am nächsten Tag, um die gleiche Stunde, klopfte der Fremde wieder ans Fenster. Da die Frau den Zorn des Reiters fürchtete, ging sie erneut hinaus um ihm wieder den Weg nach Goldkronach zu weisen. Nach ein paar Schritten erkannte sie jedoch, dass diesmal der Reiter ohne Kopf war. Vor Furcht lief es der Frau eiskalt den Rücken hinunter und sie suchte ihr Heil in der Flucht und schloss die Haustür so fest hinter sich, wie es nur ging.
Als der Unheimliche am dritten Tag erneut ans Fenster klopfte, nahm sich die Frau ein Herz. Als sie vor das Haus trat, sah sie, dass in dieser Nacht wieder das Pferd des Fremden ohne Kopf war. Mutig schritt sie hinaus und geleitete den Mann ein Stück bis zum Waldrand. Dort zeigte sie ihm den weiteren Weg nach Goldkronach. Obwohl der Reiter sie mehrfach bat, ihn weiter zu begleiten, verweigerte sie diesen Wunsch. Schließlich sprengte der Unheimliche mit lautem Gebrüll über die Kropfbachbrücke davon.
Erst später erfuhr die Perlenmachersfrau, in welcher Gefahr sie sich befunden hatte. Hätte sie den geisterhaften Reiter bis über die Brücke begleitet, so wäre dieser von seinem Fluch erlöst gewesen. Die Frau hätte allerdings an seiner Stelle ruhelos durch die Nacht irren müssen.